Nebennierenschwäche – mehr als „nur müde“

Wer sich permanent müde, erschöpft oder abgeschlagen fühlt, oder vielleicht sogar unbedacht mit „Burn-Out“ diagnostiziert wurde, sollte sich einmal genauer mit seinen Nebennieren auseinander setzen – denn oft steckt eine Nebennierenschwäche hinter diesen – und vielen weiteren – Beschwerdebildern.

Nebennierenschwäche, Adrenal Fatigue, Nebenniereninsuffizienz: Wo liegen die Unterschiede?

Oft werden die Begrifflichkeiten Nebennierenschwäche / Adrenal Fatigue und Nebenniereninsuffizienz synonym verwendet – in der Medizin handelt es sich hierbei jedoch um zwei verschiedene Krankheitsbilder, die gesondert betrachtet werden müssen.

Nebenniereninsuffizienz

Die Nebenniereninsuffizienz ist relativ selten, kann aber unbehandelt ernste Folgen haben. Es handelt sich hierbei um eine Autoimmunkrankheit, die in jedem Fall endokrinologisch abgeklärt und behandelt werden sollte. Bleibt eine Nebenniereninsuffizienz unerkannt, kann es im schlimmsten Fall zur Nebennieren-Krise kommen, die mit Ernst zu nehmenden und teils gefährlichen Symptomen einhergehen kann. Haben Sie den Verdacht, unter einer Nebenniereninsuffizienz zu leiden, wenden Sie sich deswegen bitte unbedingt an Ihren Hausarzt oder Endokrinologen!

Nebennierenschwäche / Adrenal Fatigue

Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der Nebennierenschwäche nicht um eine lebensbedrohliche Autoimmun-Reaktion, sondern um eine Produktionsschwäche der Nebenniere – es werden also temporär zu wenige Hormone produziert. Im Gegensatz zur Nebenniereninsuffizienz können Betroffene einer Nebennierenschwäche durchaus auch ohne lebenslange Medikation behandelt werden.

Im folgenden Artikel erklären wir, wie die Nebenniere funktioniert, wie eine Nebennierenschwäche abläuft, wie man sie erkennt und behandelt.

Funktionsweise der Nebenniere

Um zu verstehen, warum eine Nebennierenschwäche so weitreichende Folgen hat, ist es wichtig, sich mit der Nebenniere zu befassen und zu verstehen, welche Funktion die Nebenniere im Körper erfüllt und wie genau sie funktioniert.

Was sind eigentlich Nebennieren?

Die Nebennieren sind ca. 3 Zentimenter lang und 1,5 Zentimeter breit und sitzen auf den Nieren. Vereinfacht gesagt setzt sich die Nebenniere aus zwei Teilen zusammen: Der Nebennierenrinde und dem Nebennierenmark. Beide Teile sind für die Produktion und Ausschüttung verschiedener Hormone zuständig – wobei für eine Nebennierenschwäche eher die Nebennierenrinde verantwortlich ist.

Aufgaben der Nebennieren

Wie bereits erwähnt, sind die Nebennieren für die Produktion und Ausschüttung verschiedener Hormone zuständig, unter anderem für sogenannte Androgene, die zur Gruppe der Sexualhormone gehören und im Körper zu Testosteron umgewandelt werden, oder für Aldosteron, das für die Aufnahme und Konzentration von Natrium und Kalium verantwortlich ist und blutdrucksteigernd wirken kann.

Im Kontext der Nebennierenschwäche ist aber vor allem das Cortisol relevant – auch dieses wird in der Nebenniere gebildet.

Cortisol: Kleines Hormon mit großer Wirkung

Cortisol gehört zur Familie der Stresshormone und sorgt dafür, dass der Körper in stressigen Situationen entsprechend mit Energie versorgt wird und leistungsfähig bleiben kann. Das ist, wenn man eine Weile in die Vergangenheit denkt, eigentlich ein guter und hilfreicher Mechanismus: Unsere Vorfahren waren in erster Linie dann großem Stress ausgesetzt, wenn sie in eine potenziell (lebens-)bedrohliche Situation geraten waren – hier wird gern das Bild eines Steinzeit-Menschen gezeichnet, der sich vor einem Säbelzahntiger retten muss.

In der heutigen Gesellschaft ist Stress ein dauerhafter Begleiter im Alltag geworden. Wer von einem Meeting ins nächste hetzt, sich auf dem Heimweg über den Feierabendverkehr ärgert, nur zwischen Tür und Angel zu Abend isst und direkt weiter zum Elternabend, die Kinder vom Fußballplatz abholen oder im Home Office noch die ein oder andere Mail beantworten muss, der ist – hormonell gesehen – dauerhaft Stress ausgesetzt, der Cortisol-Spiegel kommt ins Ungleichgewicht.

Erschöpfung der Nebennieren: Wie kommt es zu einer Nebennierenschwäche?

Wie bereits erwähnt, ist die Nebenniere für die Bildung und Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zuständig – eine sinnvolle und natürliche Reaktion auf Stress. Gefährlich wird es erst, wenn auf eine Stressphase keine ausreichende Regeneration folgt, denn dann gerät die Nebenniere in einen Erschöpfungszustand, in dem sie die Cortisol-Produktion nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Diese Erschöpfung ist ein laufender Prozess – entsprechend schleichend zeigen sich auch die Symptome. So kommt es, dass die Mehrheit der Krankheiten lange unerkannt bleibt, man kann davon ausgehen, dass in unseren westlichen Industrienationen jeder zweite erwachsene Mensch an einer Nebennierenschwäche erkrankt ist.

Warum bleibt die Nebennierenschwäche oft unerkannt?

Dass die Nebennierenschwäche oft unerkannt bleibt oder gar falsch diagnostiziert wird, liegt daran, dass die Symptome oft recht unspezifisch sind.

So beeinflusst die Ausschüttung der Stresshormone auch alle anderen Hormon-Achsen im Körper, beispielsweise die Sexual- oder die Schilddrüsenhormone. In vielen Fällen wird beispielsweise nur eine vorliegende Schilddrüsenunterfunktion behandelt, ohne nach der Ursache zu suchen, die oft in den Nebennieren zu finden wäre.

Nebennierenschwäche Symptome

Wie bereits erwähnt, sind die Symptome der Nebennierenschwäche oft unspezifisch – aus diesem Grund haben wir uns der Symptomatik in einem eigenen Artikel ausführlicher gewidmet.

Am häufigsten werden folgende Symptome beobachtet:

  • anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit
  • Infektanfälligkeit und tendenziell längere Infektdauer
  • niedriger Blutdruck, Schwindel
  • Besserung des Allgemeinbefindens bei Ruhe und im Liegen

Hier finden Sie die ausführliche Beschreibung der Symptome.

Krankheitsverlauf einer Nebennierenschwäche

Wie bereits erwähnt, verläuft eine Nebenniereninsuffizienz in vier Stadien, wobei der Übergang zwischen den einzelnen Stadien oft schleichend geschieht. Oft bemerken Betroffene erst in Stadium drei oder vier, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Phase 1: Anhaltender Stressreiz

In der ersten Phase wird durch den anhaltenden Stressreiz viel Cortisol ausgeschüttet, die Nebennieren sind durchgehend mit der Produktion von Cortisol beschäftigt – hormonell gesehen ist in dieser Phase der Cortisolspiegel oft erhöht.

Symptomatisch fühlen sich die meisten Menschen aufgekratzt und schnell reizbar. Später können auch schlechter Schlaf oder Heißhungerattacken dazukommen.

Phase 2: Cortisol-Überproduktion in der Nacht

In der zweiten Krankheitsphase stehen Schlafstörungen und eine große Erschöpfung im Fokus – Patienten fühlen sich schon nach dem Aufstehen „gerädert“.

Dies liegt daran, dass die Cortisolproduktion auch in der Nacht nicht abfällt, sodass der Cortisolspiegel Tag und Nacht über den Normalwerten liegt. Der Cortisolspiegel in der Tageskurve ist meist „flatlined“, also über den Tag hinweg gleichbleibend – aber eben zu hoch.

Phase 3: Absacken auf „Normalwerte“

Phase 3 ist besonders tückisch, denn die Cortisolwerte können hier beinahe wieder normalisiert sein. Das Absacken auf Normalwerte kommt daher, dass die Nebenniere in einen so starken Erschöpfungszustand gerät, dass sie die Cortisolproduktion trotz anhaltendem Stress nicht mehr auf einem erhöhten Level halten kann.

Obwohl die Cortisolwerte in Phase 3 oft noch nicht zu niedrig sind, fühlt sich der Patient chronisch erschöpft und zusätzliche Symptome zeigen sich verstärkt.

Das kommt daher, dass alle freien Ressourcen in die Cortisolproduktion gesteckt werden – die anderen Hormonachsen werden hinten angestellt, der gesamte Stoffwechsel wird in Mitleidenschaft gezogen.

Phase 4: Cortisolmangel aufgrund vollständiger Erschöpfung

In Phase 4 kann die Nebenniere nicht mehr standhalten, die Hormonproduktion wird aufgrund anhaltender Erschöpfung heruntergefahren. Nun ist auch ein deutlicher Mangel in der Hormonmessung zu sehen.

Betroffene sind in dieser Phase in ihrem Handeln eingeschränkt, schon kleine Anstrengungen führen zu großer Erschöpfung – an eine Vollzeit-Arbeitsstelle, anspruchsvolle Hobbies oder sportliche Aktivität ist nicht mehr zu denken.

Diagnose: Woher weiß ich, ob ich betroffen bin?

Durch die verschiedenen Phasen ist eine Nebennierenschwäche nicht anhand von einem einzelnen Hormon bestimmbar. Doch keine Sorge: Eine Nebennierenschwäche kann durchaus zuverlässig diagnostiziert werden.

Die einfachste Möglichkeit hierzu ist ein Hormonspeicheltest, den Betroffene mit Verdacht auch bequem von zuhause aus durchführen können. Wir empfehlen zur Bestimmung einer Nebennierenschwäche ein Cortisol-Tagesprofil, also mehrere Messungen Cortisol, und zusätzlich die Analyse des DHEA-Wertes.

Alternativ gibt es die Möglichkeit, die Nebennierenfunktion bei einem guten Endokrinologen oder Allgemeinmediziner bestimmen zu lassen – allerdings fehlt der Mehrheit des medizinischen Personals die entsprechende Weiterbildung, um eine Nebennierenschwäche erkennen und diagnostizieren zu können.

Behandlung & Therapie: Kann eine Nebennierenschwäche geheilt werden?

Zuerst die gute Nachricht: Eine erschöpfte Nebenniere kann durchaus geheilt werden.

Das große Aber: Wer eine Nebennierenschwäche nachhaltig heilen will, dem kann man nicht einfach mit einer Packung Tabletten helfen. Eine Nebennierenschwäche kann – und sollte in besonders schweren Fällen – vorübergehend medikamentös unterstützt werden, um die Ursache zu behandeln, muss jedoch zwingend ein Wandel des Lebensstils erfolgen. Der Heilungsprozess dauert in der Regel bei entsprechender Therapie zwischen 3 Monaten und zwei Jahren, abhängig davon, wie weit die Nebennierenunterfunktion bereits fortgeschritten ist.

Weil die Behandlung einer Nebennierenschwäche ein großes Thema ist, gibt es hierfür in einem eigenen Beitrag genauere Tipps und Ansätze. Grob zusammengefasst kann man folgende Schritte nennen:

  • Beseitigung der Stressfaktoren
  • Rhythmische Erholungspausen
  • Richtige Ernährung
  • Dosiertes Fitnesstraining
  • Aufbaumittel für die Nebenniere

Im folgenden Artikel finden Betroffene eine genaue Behandlungs-Empfehlung. Einige der Punkte lassen sich auch ohne ärztliche Beratung und Begleitung umsetzen, wer also keinen guten Allgemeinmediziner oder Heilpraktiker findet, kann also dennoch etwas zur Verbesserung der Krankheit und Symptome tun.

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